Harley-Davidson

1200 ccm

Prüfungsbericht

 

 

 

Technische Daten:

 

Zylinderzahl

2

Arbeitsweise

4-Takt

Bohrung

86,97 mm

Hub

101,60 mm

Hubraum

1200 ccm

Schmierung

mech. Ölpumpe, durch Drehgriff reguliert

Kupplung

Scheibentrockenkupplung

Getriebe

Harley-Davidson - Dreiganggetriebe mit Arretierung

Bremsen

Innenbacken

Radstand

1520 mm

Gewicht

225 kg

 

 

Die große Harley hat für dieses Jahr wieder einige Verbesserungen erfahren.

Der 1200-ccm-Motor von 86,97 mm Bohrung und 101,60 mm Hub (die merkwürdigen Angaben in 

hundertstel mm finden darin ihre Erklärung, das der Amerikaner in Zollteilung rechnet) ist mit 

abnehmbaren Ricardo-Zylinderköpfen ausgerüstet. Die Bremsleistung beträgt 32 PS bei 3400 Touren 

pro Minute. Der neue Schebler-Vergaser aus Preßguß ist mit einem längeren Ansaugstutzen versehen, 

der an der Oeffnung einen seitlichen Schlitz aufweist, welcher die Aufgabe hat, die Luft schon vor dem Eintritt in die Mischkammer in Turbulenz zu versetzen, um eine bessere Vernebelung des Benzinluftgemisches zu erzielen. 

 

 

 

 

 Der Einschlagwinkel beträgt über 45 Grad,

der Drehkreis 2,90 m.

 

 

 

Der Burges-Auspufftopf benutzt zur Dämpfung der Abgase keine Zwischenwände mehr, die eine Rückstoßwirkung auf die Abgase ausüben; es ist vielmehr mit hunderten kleiner Löcher versehen, 

die rings um die Wandung herum angebracht und nach außen hin durch eine blechumkleidete 

Asbestpackung abgeschlossen sind. Der Austritt der Gase erfolgt durch einen Fischschwanz, der an 

den Seiten ebenfalls eine menge kleiner Bohrungen aufweist. 

Die Leistung der Dynamobatterie-Lichtzündanlage ist bedeutend verstärkt worden. Und zwar ist 

eine Anordnung getroffen worden, die Leistung der Dynamomaschine zu erhöhen, wenn der 

Scheinwerfer eingeschaltet wird. Die Doppelfadenbirne hat 32 Kerzen; die Batterie 22 Amperestunden. 

Das Getriebe ist mit einer Arretierung versehen, welche das Schalten ohne ausgekuppelt zu haben, verhindert.

 

 

 

 

 

Antriebsseite

 

 

 

Der Werkzeugkasten, der bei Harley schon seit langem unter dem Scheinwerfer angeordnet ist

und sich hiermit an der am besten gefederten Stelle Stelle der Maschine befindet, 

ist keilförmig ausgeführt. Das Durcheinanderschütteln der Werkzeuge bei nicht voller Tasche, 

wird damit herabgemindert. Die Gabel hatte im vergangenen Jahr, an Stelle der Rohrscheiden, 

solche aus massiven, im Gesenk geschmiedeten Material erhalten. Der Steuerkopf ist ebenfalls 

im Gesenk geschmiedet. Zum besseren Rostschutz erhält er außer der Lackierung noch einen 

galvanischen Ueberzug von Messing. Noch eine kleine praktische Neuerung: Im Steuerkopf ist ein 

Yale-Scloß eingelassen, welches bei Betätigung einen starken Bolzen in ein vorgesehenes Loch im Gabelkopf drückt. Das Abschließen setzt einen starken Einschlag des Lenkers nach rechts voraus,

 wobei gleichzeitig die kleine Lampe, die zur Instrumentenbrettbeleuchtung dient, als Parklicht 

benutzt werden kann.

 

 

 

 

 

Instrumentenanordnung

 

 

 

Die Uebertragung der Beschleunigungs- und Verzögerungskräfte zwischen Maschine und Seitenwagen 

sind glänzend gelöst, zeigt doch z.B. der Seitenwagen, auch beim starken Beschleunigen, keine Neigung,

 auf die Steuerfähigkeit der Maschine einen einseitigen Druck auszuüben.

Allerdings muß bei flotteren Tempo der Steuerungsdämpfer angezogen werden, um (seitlich) 

pendelnde Bewegungen des Lenkers zu verhindern. Das Seitenwagenrad ist ebenfalls mit einer Innenbackenbremse versehen und wird gleichzeitig mit dem Hinderrad durch Niedertreten des Pedals abgebremst. Die Betätigung erfolgt durch ein festes Gestänge. 

 

 

 

 

 

Der 1200-ccm-Motor mit abnehmbaren

Zylinderköpfen

 

 

 

Sehr angenehm ist bei dem großem Reifenprofil von 4" normal, und 4 1/2" als Übergröße 

das Auswechseln sämtlicher Räder untereinander, das durch die Ausführung der Achsen als 

Steckachsen ermöglicht ist. Durch die Mitnahme eines Reserverades, das an der Rückwand des Seitenwagens untergebracht wird, ist das Auswechseln eines Rades bei Reifenpanne fast ebenso 

einfach wie beim Wagen.

 

Die Beschleunigung der Maschine ist trotz des hohen Gewichtes eine sehr annehmbare.

 An einer schwachen Steigung brachte ich die Maschine bis auf 84 km/Std. und musste wegen 

Behinderung auf der Straße abstoppen. Mit Seitenwagen läßt sich die Maschine auf über 100 km/Std. bringen, solo auf 130-140 km/Std. Die Übersetzung beträgt hierbei 4,8:1 bzw. 4,2:1. Die Maschine 

ist infolge ihres großen Kubikinhaltes praktisch schaltungsfrei. Bei langsamen Befahren von Straßenkreuzungen muß man dann aber mit der Zündung zurückgehen und die Kupplung etwas zurücknehmen, was aber durch die sehr kräftige Ausbildung dieser gefahrlos getan werden kann, 

ohne dadurch vorzeitige Abnützung befürchten zu müssen.

 

 

 

              

 

            Die für die Harley charakteristische Sitzhaltung

 

 

 

Die Förderung des Schmieröls wird gleichzeitig mit dem Betätigen der Gasdrossel durch 

Drehgriff reguliert, so das also bei langen Talfahrten ein Überölen nicht eintritt. Der Ölverbrauch 

wurde mit ungefähr 0,3 Liter auf 100 km festgestellt, der Brennstoffverbrauch mit etwa 7,5 bis 8 Liter.

 

Das 1200er Harley-Gespann ist also zur Beförderung von zwei, evtl. auch drei Personen eine sehr leitungsfähige Maschine, die hohen Reisedurchschnitt gestattet und bei der man, auch bei Mitnahme reichlichen Gepäcks, eine Überlastung nicht zu befürchten braucht. 

 

Wegen Ihres Preises von 3100.- RM für das komplette Gespann dürfte sie aber unter unseren gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen nur für einen kleinen Käuferkreis in Frage kommen.

Anders dagegen verhält es sich, wo die Harley zur Beförderung von Lasten in Verbindung mit einem Geschäftsseitenwagen benutzt werden soll. Die mit dieser Maschine zu befördernde Last, dürfte die Zuladung vieler Kleinwagen übersteigen. 

 

In Amerika, aber auch in einigen europäischen Staaten wird sie viel von Polizei und 

Behörden als Dienstmaschine benutzt.

 

Ing. W. Fueß

Motor und Sport + Heft 27 * 5. Juli 1931

 

mail@harleysons.de